Gute und qualifizierte Mitarbeitende sind Mangelware. Daher war ich umso erstaunter, als sich ein guter Freund bei mir meldete, der sich nach vielen Jahren in profitorientierten Organisationen für eine höhere Position in einer NPO beworben hatte: Er war bereit, die Lohneinbusse in Kauf zu nehmen und war vom Stiftungsrat und vom CEO für die Position ausgewählt worden – aber beim Vorstellungsgespräch in der GL schlugen ihm so viel Misstrauen und Feindseligkeit entgegen, dass er sich kurzum entschloss, die Stelle nicht anzunehmen. Eine hoch qualifizierte Person ist so ziemlich sicher den NPO verloren gegangen. «Warum soll ich’s nochmal versuchen?», meinte er: «Viel Aufwand, aber wenn du den Stallgeruch nicht hast, will man dich nicht.»

Ich treffe immer wieder gute Leute aus profitorientierten Unternehmen, welche die Nase voll haben von der Jagd nach mehr Umsatz, Gewinn und eine Tätigkeit suchen, die mehr Sinn stiftet. Nach etlichen ergebnislosen Bewerbungen versuchen es viele über zielgerichtete Weiterbildungen. So wollen sie der potenziellen künftigen Organisation signalisieren, dass sie es ernst meinen mit dem Sprung über den Profit-Graben. In vorgängigen Beratungsgesprächen versuche ich ihnen jeweils die Illusion zu nehmen, dass in der Nonprofit-Welt alles zum Besten stehen würde. Mitnichten. Aber es ist übers Ganze schon ein anderer Wind spürbar. Zum anderen darf ich ihnen mit Fug und Recht versichern, dass der Stallgeruch, den sie durch eine NPO-spezifische Weiterbildung erhalten, beim Sprung in die neue Umgebung oftmals wirklich hilft.

Gleichzeitig haben es die Organisationen zunehmend schwer, die richtigen Leute zu finden. Grosse Herausforderungen stehen an. Knapper Arbeitsmarkt, die Digitalisierung in vielen Arbeitsbereichen und neue Managementmodelle sind nur einige unter vielen Herausforderungen. Eine gute Reputation als Arbeitgeber ist daher ein Fundament für erfolgreiche Rekrutierung. In Wissenschaft und Praxis herrscht Konsens darüber, dass eine starke Arbeitgebermarke ein zentraler Wettbewerbsvorteil bei der Personalgewinnung und –bindung ist. Doch wie steht es mit Nonprofit-Organisationen? Die Mitbewerber auf dem Arbeitgebermarkt haben teilweise ein hohes Ansehen als Marke und als Arbeitgeber. Zumeist können sie auch besser bezahlen, insbesondere was die höheren Positionen betrifft. Der Herausforderung können sich aber auch NPO nicht entziehen: Sich als Arbeitgeber professionell zu positionieren und die Arbeitgebermarke zu stärken.

So erstaunt es mich umso mehr, dass oft ganz gute Fachleute nicht angestellt werden, weil sie aus einer anderen Welt kommen. Vielleicht empfiehlt sich mancherorts einfach eine grössere Risikobereitschaft: Wenn schon gute Leute die Seite wechseln und aus der profitorientierten Wirtschaft ausbüchsen wollen, Marketer, Journalisten und Journalistinnen und Fachleute aller Couleur, warum sie nicht für die eigene NPO gewinnen und damit viele neue Impulse hereinholen, um sich neu zu denken? Denn oft kommen die echten Innovationen, die das Paradigma verändern, aus ganz anderen Branchen. Und dass sich NPO heute mehr denn je behaupten müssen, "schleckt auch keine Geiss weg".

Prof. Rodolfo Ciucci
Dozent für Kommunikation
Fachhochschule Nordwestschweiz
Hochschule für Wirtschaft
rodolfo.ciucci@fhnw.ch

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