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Originalsprache des Artikels: Deutsch

«Mit persönlichem Engagement lässt sich oft genauso viel bewirken wie mit Geldspenden»

1. Herr Ghavami, Sie arbeiten im Kompetenzzentrum für gemeinnützige Stiftungen bei der Credit Suisse. Wollen Sie sich kurz vorstellen?

Nach meinem Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaft an der Universität Lausanne habe ich mehrere Jahre bei der Nichtregierungsorganisation (NGO) Human Rights Watch in Genf gearbeitet. Dabei habe ich die Welt der Philanthropie kennengelernt und mir ist bewusst geworden, wie wichtig für Nonprofit-Organisationen Unterstützung aus dem privaten Sektor ist. Nach dieser sehr bereichernden Erfahrung habe ich ein Master-Studium im Bereich der internationalen Entwicklung an der SOAS in London absolviert und bin dann nach Genf zurückgekehrt, wo ich als Spezialist für Finanzinnovationen zuerst für einen Impact-Fonds und dann für UNICEF tätig war. Ich war schon immer von der Dynamik im Bereich der Philanthropie und der Spannbreite der damit einhergehenden Aktivitäten fasziniert: von der traditionellen Philanthropie bis hin zu Finanzinnovationen. Seit Februar dieses Jahres gehöre ich nun dem Kompetenzzentrum für gemeinnützige Stiftungen der Credit Suisse an, was mich sehr glücklich macht, da ich hier mein Fachwissen gezielt einbringen kann.

2. Sind Sie selber in einer gemeinnützigen Organisation engagiert?

Ich engagiere mich in mehreren Organisationen verschiedener Grössen, die sich alle Themen verschrieben haben, die mich persönlich sehr interessieren. Da wäre zum Beispiel NEXUS, ein internationales Netzwerk junger Philanthropen und Philanthropinnen, Investoren und Investorinnen sowie Sozialunternehmer und -unternehmerinnen, oder auch Human Rights Watch, eine NGO, die zu den wichtigsten Organisationen zur Verteidigung und Wahrung der Menschenrechte gehört. Ausserdem war ich 2014 an der Gründung der Stiftung Act On Your Future mit Sitz in Genf beteiligt, die zum Ziel hat, die jüngeren Generationen für Engagement im Bereich Menschenrechte zu begeistern und durch innovative soziale und kulturelle Projekte deren Handlungsmacht zu stärken. Mir ist es sehr wichtig, mich auf lokaler Ebene zu engagieren, etwas Konkretes zu tun und andere junge Menschen – sowie auch mich selbst – über eine auf Dauer angelegte unabhängige Struktur zu mobilisieren und für wichtige Themen unserer Zeit zu sensibilisieren, wie beispielsweise den Klimawandel, die Migrationskrise oder auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Es ist mir auch wichtig zu zeigen, dass man sich in jedem Alter engagieren und für Dinge einsetzen kann, die einem am Herzen liegen. Wir leben hier in der Schweiz weitgehend in einem Umfeld, in dem wir viele Privilegien haben und teilweise auf eine breite Palette an Ressourcen – Finanzmittel, Netzwerke und Expertise – zurückgreifen können, um uns für das Gemeinwohl und die Werte und Prinzipien starkzumachen, für die wir brennen.

3. Welche Kompetenzen muss man heutzutage als Stiftungsrat bzw. Stiftungsrätin mitbringen?

Im Jahr 2020 gab es in der Schweiz mehr als 13’300 als gemeinnützig anerkannte Stiftungen und damit natürlich noch ein Vielfaches an Einzelpersonen, die sich in Stiftungsräten engagieren. Es ist nicht immer einfach, die Aktivitäten einer Stiftung zu überwachen. Die Mitglieder von Stiftungsräten sind ehrenamtlich aktiv, haben also einen Hauptberuf und gehen nebenher ihrer Stiftungsratstätigkeit nach. Dennoch geht es bei ihren Entscheidungen manchmal um grosse Summen und Projekte, die Auswirkungen auf der ganzen Welt haben können. Zudem ist es so, dass sich im Bereich der Philanthropie gerade sehr viel tut. Da ist eine Professionalisierung im Gange und aufgrund des Ausmasses der Herausforderungen, denen sich die Stiftungen stellen, sind immer spezifischere Kompetenzen gefragt. So erklärt sich, warum eine steigende Anzahl gemeinnütziger Organisationen die Unterstützung durch aussenstehende Experten und Expertinnen nachfragt und auch zu verschiedenen Themen den Austausch beispielsweise mit uns als Partner sucht.

Jegliches Engagement im Rahmen einer philanthropischen Struktur muss von einer grossen Leidenschaft für das jeweilige Thema und einer gemeinsamen Vision in Bezug auf die Ziele getragen werden, hier müssen sich alle Stiftungsratsmitglieder wiederfinden. Bei der Philanthropie geht es immer in erster Linie um Menschen. Man muss bereit sein, Zeit zu investieren und Kompetenzen und/oder das eigene Netzwerk in den Dienst der Sache zu stellen. Mit persönlichem Engagement lässt sich oft genauso viel bewirken wie mit Geldspenden – und manchmal auch mehr. Um sicherzustellen, dass die Ziele einer Stiftung langfristig umgesetzt werden können, ist auch grosse Sorgfalt und Disziplin bei der Wahrnehmung der Führungsaufgaben und der Verwaltung des Vermögens der Organisation erforderlich. Diese Disziplin muss allerdings mit einer gewissen Agilität und Flexibilität einhergehen, denn es gilt, unvorhergesehen Ereignissen (wie einem Rückgang der Erträge oder einer weltweiten Gesundheitskrise) zu trotzen und sich an neue Entwicklungen (wie die Digitalisierung) anzupassen, um die eigene Handlungsfähigkeit langfristig zu erhalten.

4. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen bei der Suche nach neuen Stiftungsräten und Stiftungsrätinnen?

Am Anfang einer Stiftung steht oft die Passion eines Gründers oder einer Gründerin, der oder die etwas für die Ewigkeit bewahren beziehungsweise etwas Dauerhaftes schaffen möchte, das entweder noch zu Lebzeiten zum Gemeinwohl beiträgt oder zukünftigen Generationen zugutekommt. Wenn man eine Stiftung gründet und ein Stiftungsrat zusammengesetzt werden muss, sollte man dafür Personen auswählen, denen man vertraut und die in Bezug auf die Ziele der Stiftung und die Mittel, mit denen diese Ziele erreicht werden sollen, dieselbe Vision verfolgen und dieselben Werte teilen. Dabei ist besonders darauf zu achten, dass sich die Interessen und Kompetenzen der einzelnen Mitglieder ergänzen, sodass der Stiftungsrat in der Lage ist, alle ihm obliegenden Aufgaben wahrzunehmen, also die strategische Richtung vorzugeben, die Aktivitäten der Stiftung zu überwachen und auch die finanziellen Mittel im Sinne der anvisierten Ziele zu verwalten. Doch nicht nur in puncto Kompetenzen ist Vielfalt gefragt, sondern auch in Sachen Geschlechter und Alter. Um hier Diversität sicherzustellen, kann beispielweise eine Frauenquote eingeführt, die Amtszeit begrenzt oder die Beteiligung jüngerer Mitglieder gefördert werden. Genau hier setzt die Credit Suisse an, indem sie die neue Initiative Board for Good (www.boardforgood.org) unterstützt. Im Rahmen dieser Initiative werden Ausbildungsstipendien an junge Menschen vergeben, um ihnen den Zugang zu Stiftungsräten zu erleichtern. Zugleich soll so eine neue Dynamik in den Stiftungsbereich in der Schweiz gebracht werden. Unterschiedliche Kompetenzen, Geschlechter, Alter, Erfahrungen oder Lebenswege: Zahlreiche Studien zeigen, dass mehr Diversität in Stiftungsräten nicht nur zu einer höheren Wertschöpfung beiträgt, sondern auch eine Steigerung der Effizienz einzelner Stiftungsorgane sowie auch des gesamten Sektors herbeiführen kann.

Veröffentlicht unter Stiftungen Schweiz

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