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François Geinoz, Sie sind der Geschäftsführer der Limmat Stiftung. Wie kamen Sie zu dieser beruflichen Herausforderung?

Ein bisschen per Zufall. Zu meiner Studienzeit habe ich meinen Vorgänger Toni Zweifel kennengelernt und ein paar Jahre später bei der Limmat Stiftung begonnen. Als er schwer krank wurde, wählte er mich als Nachfolger aus. Ich hatte Wirtschaft studiert und zugleich viel Interesse für die Gemeinnützigkeit.

Wann wurde die Stiftung errichtet?

Am 13. März 1972. Somit feiern wir dieses Jahr ein erfreuliches rundes Jubiläum!

Welches ist der Stiftungsweck?

Die Stiftung bezweckt jede Art von Unterstützung von hilfsbedürftigen Personen und gemeinnützigen Institutionen. Dies ist bewusst sehr weit gefasst, weil die Stiftung von Anfang an als Dachstiftung konzipiert wurde.

Welches sind die Meilensteine der Geschichte der Stiftung?

In den 70er Jahren entstand ein didaktisches Programm in Zusammenarbeit mit der ETH. Zudem unterstützte die Limmat Stiftung ihre ersten Projekte in Entwicklungsländern. In den 80er Jahren wurden zahlreiche Projekte von öffentlichen Stellen mitfinanziert, unter anderem von der DEZA. Ende 1989 verstarb der Hauptinitiator der Stiftung, Toni Zweifel. Die Stiftung hat sich dann aufgrund der Weichen, die er gestellt hatte, weiterentwickelt. Es entstanden immer wieder neue Zustiftungen. Hunderte von Projekten im Bereich der Ausbildung und des Sozialen wurden unterstützt, vor allem in Entwicklungsländern. Bekannt ist die Stiftung auch für das Golfturnier «Esmeralda Charity Cup», das in den letzten 27 Jahren 53 Projekte zugunsten der Strassenkinder in Kolumbien mit 38'000 Begünstigten unterstützen konnte.

Die Limmat Stiftung ist eine Dachstiftung, was versteht man darunter?

Eine Dachstiftung ist eine Stiftung, welche Stifterinnen und Stiftern eine Plattform bietet, damit sie unter ihrem Dach ihre eigenen Zustiftungen mit selbst bestimmten gemeinnützigen Zwecken errichten können. Die Limmat Stiftung ist die älteste Dachstiftung der Schweiz. Mittlerweile gibt es hierzulande mehr als zwanzig Dachstiftungen.

Was sind die Vorteile für die Stifter?

Die Dachstiftung übernimmt die allgemeine Verwaltung, sodass die Stifterinnen und Stifter sich unkompliziert auf ihr Vorhaben konzentrieren können. In unserem Fall bieten wir auch das Projektmanagement und die Vermögensverwaltung an. Es entstehen oftmals Synergien unter den Zustiftungen: Erfahrung, Kontakte, manchmal auch Mitfinanzierungsmöglichkeiten. Alles in allem bedeutet das weniger administrativer Aufwand, niedrigere Kosten und meistens eine grössere Effizienz bei der Mittelverwendung. Die Stifterin bzw. der Stifter hat zwar etwas weniger Selbständigkeit als bei einer eigenen Stiftung, aber wir bieten unseren Zustiftungen eine möglichst weitgehende Autonomie an.

Wie viele Substiftungen beheimatet die Limmat Stiftung?

Wir haben 15 Zustiftungen und mehr als 30 zweckgebundene Fonds. Zustiftungen sind das Vehikel, das einer selbständigen Stiftung am Ähnlichsten ist (eigenes Vermögen, eigene Projekte, eigener Zustiftungsrat). Zweckgebunde Fonds sind eine schlankere Lösung für kleinere Beträge (auch unter 300'000 Franken), meist kurzlebiger. Aber auch dort hat die Donatorin bzw. der Donator ein starkes Mitspracherecht.

In welchen Ländern ist die Stiftung aktiv?

In ihrer Geschichte hat die Limmat Stiftung bis jetzt Projekte in über 80 Ländern unterstützt. Aktuell sind wir vor allem in Kolumbien, Peru, Guatemala, Bolivien, Elfenbeinküste, Kenia, Kongo, Indien, Libanon, aber auch in Europa, speziell in Griechenland, tätig. Auch das hängt von unseren Donatorinnen und Donatoren ab.

Nach welchen Kriterien werden die Projekte gewählt?

Bei den projekteigenen Kriterien geht es vor allem darum, dass das Projekt eine möglichst hohe Wirkung für die Begünstigten hat und diese möglichst effizient erreicht wird. Wir prüfen auch, ob das Projekt erweiterbar und nachhaltig ist. Es gilt, mit einem vorhandenen Budget, bevorzugt Projekte umzusetzen, welche den grössten Outcome und Impact haben. Wir arbeiten hierfür mit Lokalpartnern zusammen. Die Wahl eines guten Lokalpartners ist dabei entscheidend. Wir berücksichtigen aber auch weitere Kriterien. In erster Linie ist der Wille der Donatorin bzw. des Donators getreu umzusetzen. Zudem versuchen wir weitere Synergien innerhalb der Limmat Stiftung zu fördern, z.B. bei der Wahl des Landes oder des Projekttyps.

Wie messen Sie die Wirkung der Projekte?

Unser früherer Projektleiter, Juan Alarcon, hat dafür eine sehr spannende Methode entwickelt. Sie basiert auf der ganzheitlichen Sicht des Menschen in seiner individuellen und kollektiven, materiellen sowie nicht materiellen Dimension. Das messen wir bei den Begünstigten der Projekte mit wenigen gut ausgewählten Indikatoren und zwar vor, während und nach dem Projekt. Dies geschieht möglichst im Vergleich mit einer sog. Kontrollgruppe, damit der spezifische Beitrag des Projektes geschätzt werden kann.

Die Methode, die Hr. Alarcon inzwischen bei Swissocial Interessenten anbietet, erscheint mir im Vergleich mit vielen anderen Ansätzen und Angeboten besonders sinnvoll. Dass sie auf dem Wohl und den Perspektiven der einzelnen Begünstigten basiert, wirkt auf den ersten Blick banal, ist aber in der Branche nicht unbedingt gang und gäbe.

Wie ist die Vision für die Zukunft von Dachstiftungen in der Schweiz?

Ich denke, sie haben eine grosse Zukunft. Ich organisiere jährlich einen Arbeitstag für Dachstiftungen. Ebenso wurde eine gemeinsame Website realisiert (www.dachstiftungen.ch). Gemäss CEPS beherbergen die Schweizer Dachstiftungen über 790 Zustiftungen mit einem kumulierten Fondskapital von über 930 Millionen CHF. Ein neuer Trend ist auch, dass immer mehr Stiftungen per Absorptionsfusion zu einer Zustiftung in einer Dachstiftung umgewandelt werden.

Das Modell ist aber leider noch ziemlich unbekannt. Es werden pro Jahr mehr als 300 neue gemeinnützige Stiftungen errichtet und gleichzeitig immer mehr Stiftungen aufgelöst. Ich bin überzeugt, dass viele Stiftungen unter einem Dach besser sowie günstiger verwaltet werden und – das ist doch das Wichtige – ihren Zweck effizienter verwirklichen würden.

François Geinoz

lic. oec. publ. Universität Zürich 1986, Advanced Management Program IESE Businnes School 2007. 1986-1989: Lehraufträge an den Universitäten Zürich und Fribourg, sowie Fachhochschule Windisch. Seit 1990 Geschäftsführer der Limmat Stiftung, Zürich, www.limmat.org, einer auf Entwicklungszusammenarbeit und Ausbildungsprojekte spezialisierten Dachstiftung. Seit 2007: Mitgründer und Vorstandsmitglied des Zürcher Roundtables der Philanthropie (www.philanthropie.net). Seit 2013 Präsident von proFonds (www.profonds.org), dem Dachverband gemeinnütziger Stiftungen der Schweiz.

Das Gespräch führte Dr. Dr. Elisa Bortoluzzi Dubach. Sie ist Stiftungs- und Sponsoringberaterin, Autorin u.a. von Stiftungen-Der Leitfaden für Antragsteller sowie Dozentin (www.elisabortoluzzi.com).

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