Aktuelle Entwicklung: Crypto-Relief-Fund für Covid-19 in Indien

Digitale Währungen wie Bitcoin oder Ether haben weltweit an Wert und Akzeptanz gewonnen. Hilfswerke wie die Stiftung «SOS-Kinderdorf Schweiz» nehmen bereits Bitcoin-Spenden an. Kryptowährungen fristen im helvetischen Spendenmarkt aber noch ein Nischendasein. Fundraiso beleuchtet die Chancen und Risiken von Kryptospenden für Non-Profit-Organisationen und gibt Tipps.

Bitcoin ist die weltweit bekannteste Kryptowährung. Man bezeichnet die «digitale Münze» Bitcoin so, weil Informationen über die Besitzer und die Überweisungen kryptografisch – also verschlüsselt – auf Computern gesichert sind. Kryptogelder lassen sich mit Hilfe einer Software elektronisch von Computer zu Computer transferieren. Für Zahlungen braucht es keine Bank mehr.

Alle Zahlungen werden in der Blockchain gespeichert

Und so funktioniert eine Zahlung mit einer Kryptowährung: Ein Besitzer von Digitalgeld legt einen Betrag in eine Art digitalen Briefkasten und verschliesst ihn mit einem Code. Dann schickt er dem Empfänger einen digitalen Schlüssel, um den Briefkasten zu öffnen. Alle Überweisungen werden in einem elektronischen «Kassenbuch» gespeichert, der sogenannten Blockchain. Die Besitzer der Währung bleiben in dieser Datenbank anonym und die Daten sind gemäss Experten nicht verfälschbar.

Bitcoin: Innert zehn Jahren von 1 auf 55‘000 US-Dollar

Der im Jahr 2009 lancierte Bitcoin erzielte eine beeindruckende Wertsteigerung. Am 9. Februar 2011 mussten Käufer für einen Bitcoin genau einen US-Dollar zahlen. Rund zehn Jahre später ist ein Bitcoin über 55‘000 US-Dollar wert. Gemäss dem Marktbeobachter CoinMarketCap betrug die Bitcoin-Marktkapitalisierung im April 2021 rund 870 Milliarden Euro. Vom weltweiten Boom der Kryptowährungen möchten vermehrt auch gemeinnützige Organisationen profitieren, die auf Spenden angewiesen sind.

UNICEF nimmt Kryptospenden an

Ein prominentes Beispiel ist das international tätige Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF). Die Organisation hat im Oktober 2019 den sogenannten Cryptocurrency-Fonds lanciert. Der Fonds nutzt die Blockchain, um Spendenflüsse transparent zu machen. Durch die Beibehaltung von Kryptowährungen in ihrer ursprünglichen Form können UNICEF, Geldgeber und -nehmer wie auch die Öffentlichkeit jederzeit nachvollziehen, wohin Geld fliesst und wie es ausgegeben wird.

UNICEF will «Erfahrungen mit digitalen Währungen sammeln»

Das System bietet gemäss UNICEF «ein noch nie dagewesenes Mass an Transparenz im Bereich der Finanzierung und der NGOs». Der Fonds akzeptiert die Kryptowährungen Bitcoin und Ether. UNICEF will mit dem Fonds gemäss eigenen Angaben vor allem «Erfahrungen mit digitalen Währungen sammeln». Für Kryptowährungen spricht laut UNICEF die «Transparenz, Effizienz und volle Digitalität». Die Spenden im Cryptocurrency-Fund werden als Kryptowährung genutzt. Es findet kein Umtausch in herkömmliche Währungen statt. Laut UNICEF liege das am «Wunsch der Menschen, ihre Spenden als Kryptowährung in Aktion zu sehen.»

Hilfswerk «Jugend eine Welt» ist Pionier im Krypto-Fundraising

Auch das international tätige Hilfswerk «Jugend eine Welt» in Österreich zählt zu den Pionieren im Krypto-Fundraising. Die Organisation akzeptiert bereits seit 2017 Kryptospenden auf der Website www.bitcoinspenden.at. Im Gegensatz zum UNICEF-Fonds wandelt die Organisation die gespendeten Bitcoins zeitnah in die «analoge» Währung Euro um. Die Organisation will so den Eindruck vermeiden, dass sie mit der stark schwankenden Bitcoin-Währung spekuliert.

Swissfundraising: Kryptospenden sind (noch) kein Thema

Bei Swissfundraising, der Berufsorganisation der FundraiserInnen in der Schweiz, sind Kryptospenden bisher noch kein grosses Thema. Roger Tinner, Geschäftsleiter von Swissfundraising, sagt: «Wir haben das Thema Kryptospenden in unserem Verband nicht aktiv bewirtschaftet. Es gibt bisher keine offiziellen Empfehlungen, Arbeitspapiere oder interne Fachgruppen.»

Keine ZEWO-Richtlinien für Kryptospenden

Martina Ziegerer ist Geschäftsleiterin der Stiftung ZEWO. Laut Ziegerer hat die ZEWO für den Umgang mit Kryptospenden noch keine Richtlinien entwickelt. Es finde zwar verstärkt eine Zuwendung von Non-Profit-Organisationen zum Thema digitale Zahlungsmethoden statt. Die Relevanz des Themas Kryptowährungen könne daher auch für die ZEWO steigen. Bisher seien bei der ZEWO aber keine konkreten Massnahmen geplant.

SOS-Kinderdorf ist Schweizer Kryptospenden-Pionier

Trotz fehlender Vorgaben der ZEWO akzeptiert in der Schweiz bereits ein namhaftes Hilfswerk mit ZEWO-Gütesiegel Kryptospenden: Die Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz in Bern. Sie bietet bereits seit August 2020 die Möglichkeit, über eine spezielle Website Bitcoins und 11 andere Kryptowährungen zu spenden. Bei SOS-Kinderdorf Schweiz findet eine zeitnahe Umwandlung der Kryptogelder in Schweizer Franken statt. Der dänische Krypto-Zahlungsanbieter Coinify wickelt die Spenden für die Organisation ab. Ein Wehrmutstropfen für die Spendenden: Kryptospenden sind in der Schweiz nicht steuerlich absetzbar.

Kryptospenden für technisch versierte Philanthropen

Thomas Roth ist Teamleiter Marketing und Kommunikation beim SOS-Kinderdorf Schweiz. Er schreibt Fundraiso: «Mit unserer Entscheidung, Krypto-Fundraising zu machen, wollen wir neue Zielgruppen und Spendenplattformen erschliessen. Unter krypto-affinen Investoren und E-Sportlern gibt es viele Philanthropen. Diesen Leuten wollen wir entgegenkommen.»

«Bitcoin-Spenden steigern die Transparenz»

Thomas Roth sieht diverse Vorteile bei Kryptowährungen: «Die Blockchain-Technologie steigert die Transparenz der Spendenflüsse. Das wirkt Korruption entgegen und schenkt Vertrauen. Durch die direkten Spenden an NPOs fallen teure Bankgebühren weg. Zudem werden Spenden ausserhalb der Landesgrenzen erleichtert. Damit sind wir bei Nothilfe-Aktionen flexibler.»

«Der grosse Spendenfluss bleibt aus»

Gemäss Thomas Roth machen Kryptospenden beim SOS-Kinderdorf Schweiz aber noch einen sehr kleinen Anteil am Spendenkuchen aus. Thomas Roth sagt: «Wir sprechen von einem tiefen vierstelligen Betrag, wovon über drei Viertel in Ethereum und etwa 15 Prozent in Bitcoin gespendet wurden.» Durch gezielte Initiativen in den Bereichen Venture Philantrophy und eSport wolle das Hilfswerk aber Fuss fassen auf dem digitalen Währungsmarkt.

Kryptowährungen sind (noch) Energiefresser

Trotz unbestreitbaren Vorteilen bieten bisher nur wenige Schweizer NPOs die Möglichkeit einer Kryptospende an. Eine Fundraiso bekannte Menschenrechtsorganisation arbeitet zumindest bereits an einem Kryptospendenprojekt. Mit ein Grund für die Zurückhaltung dürfte auch der hohe Energieverbrauch für die Produktion von Kryptowährungen sein. Damit Überweisungen sicher sind, braucht es viel Rechenleistung. Alleine die Kryptowährung Bitcoin verbraucht gemäss Berechnungen von Experten mehr Energie als Neuseeland und Belgien zusammen. Besonders Umweltorganisationen dürften solche Fakten abschrecken. Immerhin zeichnet sich eine Lösung dieses Problems ab: Mit der Weiterentwicklung der Kryptowährung Ethereum entsteht eine umweltfreundlichere Kryptomünze.

Anmerkung: Natürlich haben auch die Bargeld-Produktion oder digitale Banküberweisungen einen Energie- bzw. Ressourcenverbrauch.

Bitcoin schreckt Kleinspender mit hohen Gebühren ab

Aber auch bei den Gebühren gibt es noch Fallgruben. Sogenannte Miner stellen die Rechenleistung für Überweisungen bereit. Dafür werden sie mit Gebühren in Form von Bitcoins belohnt. Je mehr Überweisungen es gibt, desto mehr Rechenleistung braucht es. Die Gebühren schiessen in die Höhe und knacken nicht selten die 30-Franken-Marke – pro Überweisung. Deutlich günstiger sind Überweisungen für Kryptowährungen wie Dash, Litecoin und Ethereum.

Kryptowährungen haben einen zweifelhaften Ruf

Fakt ist auch: Kryptowährungen werden auch für Geldwäsche und als Zahlungsmittel auf illegalen Marktplätzen eingesetzt. Besonders für gemeinnützige Organisationen bergen Kryptospenden somit ein Reputationsrisiko. Die Blockchain-Technologie hilft hingegen im Kampf gegen Korruption und macht Spendenflüsse transparenter. Der Grund: Finanztransaktionen sind bei Kryptowährungen nachträglich nicht mehr manipulierbar. Und: Auch mit herkömmlichem Geld wird Geldwäsche betrieben.

Friedbert Ottacher: Hilfswerke sollten «bereit sein für Kryptospenden»

Friedbert Ottacher leitete zusammen mit Jasmin Güngör in Österreich Workshops zum Thema Krypto-Fundraising. Er ist in der Entwicklungsarbeit tätig. Unter anderem koordiniert er Programme des österreichischen Hilfswerks HORIZONT3000 in Afrika. Er sagt zum Thema Kryptospenden: «Wir sind in einer Übergangsphase, in der vieles unsicher ist und die Positionierung schwerfällt. Dabei befinden wir uns bereits in der zweiten Krypto-Welle. Die anfängliche Wildwestatmosphäre wird nach und nach von einer breiteren Akzeptanz für Kryptowährungen abgelöst. Hilfswerke sollten sich jetzt mit dem Thema befassen. Dann sind sie fit, wenn die Spendenbereitschaft steigt».

Bitcoin-Zahlungen finden immer mehr Akzeptanz

Digitale Währungen wie der Bitcoin gewinnen in der Schweiz zunehmend an Verbreitung. Das belegen folgende Beispiele: Im Kanton Zug, der Krypto-Hochburg der Schweiz, können Steuerpflichtige bereits mit Bitcoin ihre Steuern zahlen. Beim französischen Versicherungsunternehmen AXA dürfen die Versicherten auch mit Bitcoin zahlen. Zudem sind Überweisungen mit Bitcoin seit Jahren über alle Schweizer SBB-Billettautomaten möglich. Voraussetzungen sind lediglich eine sogenannte Bitcoin-Wallet und eine Schweizer Mobilfunknummer.

Bitcoin ist die Währung der GrossspenderInnen

Die hohen Gebühren für Bitcoin-Überweisungen dürften KleinspenderInnen aber noch abschrecken. Laut Entwicklungsexperte Friedbert Ottacher seien Bitcoins «digitales Gold», kleinere Bitcoin-Spenden hingegen eher selten. Jasmin Güngör ist Expertin für digitale Zahlungsmittel bei der österreichischen Hilfsorganisation «Jugend eine Welt». Sie sieht die Kryptowährung Bitcoin vor allem als Hoffnungsträger für GrossspenderInnen. Sie nennt den sogenannten Pineapplefund als Paradebeispiel. Eine anonyme Person spendete Kryptogelder im Wert von 55 Millionen US-Dollar an insgesamt 60 Hilfsorganisationen.

Alternative Kryptowährungen für Kleinspenden

Kryptowährungen wie Litecoin, Stellar oder Dash finden vermehrt Anwendung als Zahlungsmittel. Sie punkten mit geringen Gebühren und kurzen Transaktionszeiten. Diese digitalen Währungen eignen sich besser für Kleinspenden. Mehrere Kryptowährungen auf einer Spenden-Website anzubieten, kann daher Sinn machen.

Fazit: Wie auch immer sich eine gemeinnützige Organisation entscheidet: Zumindest sollten sich FundraiserInnen mit den neuen Entwicklungen befassen und die Option Kryptospenden seriös prüfen. Oder um es mit den Worten von Friedbert Ottacher zu sagen: «Ein experimenteller Umgang mit Kryptogeldern ist wichtig, um ihr volles Potenzial als Spendenmittel zu erkennen».

Autor: Bernhard Bircher-Suits, FundCom

Kryptospenden: Tipps und Tricks für FundraiserInnen

Spendenkanäle trennen: Fachleute empfehlen Organisationen, eine separate Spenden-Website für Kryptospenden einzurichten. Solche Websites bieten auch SOS-Kinderdorf Schweiz und Jugend eine Welt an. Potentielle Spendende sollten auf solchen Kryptospenden-Websites von A bis Z über alle Aspekte des Spendens mit Kryptowährungen aufgeklärt werden.

Spenden auf einer externen Geldbörse («Hardware-Wallet») sichern: Bei Kryptowährungen gilt: Ohne digitale Geldbörse kein Zugang zur Blockchain. Am sichersten ist eine externe Geldbörse in Form eines physisch vorhandenen USB-Sticks. Wichtig: Die Identifikations-Schlüssel darf man auf keinen Fall aus der Hand geben.

Kenne deine Zielgruppe: Studien zeigen, dass typische Besitzer von Kryptowährungen unter 35 Jahre alt, männlich und technikaffin sind. Mit Kryptospenden kann diese Zielgruppe somit gut erreicht werden. Spendenthemen sollten im Idealfall einen Technikbezug aufweisen.

Kanäle der Krypto-Gemeinschaft nutzen: Mit traditionellen Spendenmailings ist man bei der Krypto-Gemeinschaft an der falschen Adresse. Die Platzierung von Spenden-Beiträgen auf Seiten wie www.btc-echo.de steigert die Sichtbarkeit. Aber auch einzelne Krypto-Influencer auf YouTube und SocialMedia-Kanälen eignen sich als Krypto-Spendenbotschafter.

Veröffentlicht unter Krypto-Spenden

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