Originalsprache des Artikels: Deutsch

Herr Lambert, Sie sind Stiftungsratspräsident der Fondation ZHdK, der Stiftung der Zürcher Hochschule der Künste. Welchen Zweck verfolgt die Stiftung?

Die Stiftung engagiert sich für die Förderung junger Nachwuchstalente. Zu diesem Zweck verleihen wir Stipendien: Mit den Exzellenzstipendien fördern wir gezielt besonders vielversprechende Talente bei der Finanzierung ihres Masterstudiums. Ausserdem fördert die Stiftung zukunftsorientierte Projekte, die für die Entwicklung der Hochschule von strategischer Bedeutung sind. Dazu gehören Projekte im Bereich Nachhaltigkeit oder digitale Medientechnologien. Im Immersive Arts Space beispielsweise geht es um die künstlerische Nutzung von neuesten Technologien wie Virtual Reality, Augmented Reality und Echtzeitsimulationen. Ein anderes Beispiel ist das Zurich Centre for Creative Economies, das an der Schnittstelle von Kunst und Wirtschaft arbeitet. Darüber hinaus und derzeit besonders aktuell, gewähren wir Soforthilfe an die durch die Pandemie in Not geratenen Studierenden (https://www.zhdk.ch/fondation/solidaritaetsfonds).

Was fasziniert Sie persönlich an diesen Themen?

Für mich sind Musik, Kunst und Design wichtige Aspekte im Leben, die mich interessieren und die mir viel Freude bereiten. Schon als kleiner Junge, da war ich etwa 10 Jahre alt, ging ich in die Plakatsammlung im Museum für Gestaltung an der Ausstellungsstrasse und tauschte Plakate mit dem damaligen Leiter. Später, als Präsident der evangelischen Kirchgemeinde Grossmünster, habe ich die Fenster von Sigmar Polke mitinitiiert, und im Prime Tower, wo die Büros von Homburger Partner sind, zeichnete ich für das Kunstkonzept mitverantwortlich. Ich fühle mich privilegiert und möchte mit meinem Engagement im Stiftungsrat etwas an die Gesellschaft beitragen. Heute habe ich durch meine Tätigkeit als Stiftungsratspräsident der Fondation ZHdK die Gelegenheit, den Nachwuchs in Kunst und Kultur aktiv zu fördern. Auch als Stiftungsrat der Baugarten Stiftung setze ich mich mitunter für die Vielfalt im Zürcher Kulturleben ein.

Die Fondation ZHdK hat im Oktober eine Online-Podiumsdiskussion zum Thema «Mäzenatentum im 21. Jahrhundert: Zukunftsvisionen für das Zürich der Künste» organisiert. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Thema zu lancieren?

Unsere Geförderten werden die Kunst- und Kulturlandschaft von morgen mitprägen. Deshalb interessieren uns aktuelle Entwicklungen im Bereich der Zusammenarbeit von Mäzenen, Kulturinstitutionen und Kulturschaffenden. In Zeiten des tiefgreifenden Wandels, der Entwicklung neuer Technologien, der Informationsflut, der Pandemie, der Umweltkrise, des Phänomens der grossen Migrationen, der wirtschaftlichen Herausforderungen, erleben die Menschen Momente tiefgreifender Orientierungslosigkeit, in denen die Kunst ein treuer Spiegel sein kann. Viele der grossen Veränderungen, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, wurden von Kulturschaffenden antizipiert und dabei von zahlreichen Mäzeninnen und Mäzenen mit verschiedenen auch finanziellen Ressourcen unterstützt. Diese Trends wollten wir aufspüren und aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.

Welches waren die Ziele des Anlasses?

Wir wollten den Standort Zürich und seine Philanthropie besser kennenlernen und herausfinden, in welche Richtung sich Kunst- und Kulturphilanthropie in den nächsten Jahren entwickeln könnte. Wir wollten wissen, ob die Transformation der Kunstmärkte durch die Digitalisierung einen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit von Zürich als Standort der Künste hat. Ausserdem interessierte uns, ob es neue innovative juristische Möglichkeiten gibt, die Mäzeninnen und Stiftern offenstehen, und ihr Engagement vereinfachen. Schliesslich wollten wir Möglichkeiten kennen lernen, wie Mäzene auf den Kapitalmärkten innovative Ansätze der Unterstützung von Kunst und Kultur realisieren könnten. In der Diskussion mit ausgewählten Persönlichkeiten, die sich im philanthropischen Kreise engagieren, ging es darum, konkrete Visionen für das Zürich der Künste zu entwickeln.

Welches waren die wichtigsten Erkenntnisse?

Für mich war eine erfreuliche Neuigkeit, dass die Zahl der Philanthropinnen und Philanthropen in Zürich wächst. Die Fördertätigkeit im Bereich Kunst und Kultur ist auf dem gleichen Niveau geblieben, während sie in anderen Bereichen gesunken ist. Zürich hat hervorragende Voraussetzungen, um sich als Kunst- und Kulturstadt weiter zu entwickeln. Dabei werden im Moment neue Finanzierungsformen der Kulturinstitutionen über die Kapitalmärkte bzw. über Impact Investing diskutiert. Auch die Fusion von kleineren Kulturstiftungen ist denkbar, mit dem gemeinsamen Ziel einer strategisch und konzentriert ausgerichteten Förderung. Dabei ist die Vernetzung der Akteure und Aktivitäten zentral. Eine Möglichkeit, die kontrovers diskutiert wurde, wäre eine Dachstiftung für Zürcher Kunst und Kultur. Sie hätte den Vorteil, dass sich kleinere Akteure vernetzen könnten, und den Nachteil, dass der einzelne Stifter an Sichtbarkeit verliert. Dieses Thema ist wohl noch nicht zu Ende diskutiert.

Wie viele Personen haben teilgenommen? Wie viele darunter waren Mäzene und Vertreterinnen von Förderstiftungen?

Es waren über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Podium dabei. Diese grosse Beteiligung hat uns nicht nur ausserordentlich gefreut, sondern zeigt, wie wichtig es ist, diese Themen öffentlich zu diskutieren, wenn wir in Zukunft eine Kulturförderung wollen, die einen breiten Konsens findet. Etwa die Hälfte der Teilnehmenden waren Mäzene und Vertreterinnen von Stiftungen, die sich alle auf unterschiedliche Weise an der Diskussion beteiligt haben.

Wie erklären Sie diese rege Beteiligung von Mäzenen an dem Anlass?

Ich teile die Meinung von Konrad Hummler, Unternehmer, Mäzen und Stifter der Johann Sebastian Bach Stiftung, der am Podium sagte «Ich will einen Teil meines Finanzkapitals in kulturelles Kapital transformieren». Ich glaube, dass mindestens dieser Gedanke von vielen Mäzeninnen und Stiftern geteilt wird. Auch die Tatsache, dass die Veranstaltung von Hubert Looser unterstützt wurde – auch ideell -, spricht Bände für den Wunsch der Mäzene, eine offene Diskussionskultur zu diesen Themen zu fördern. Wie Herr Hummler so schön formuliert hat «Was soll Reichtum, wenn er nur für sich selber irgendwo dahinschmort? Das hat doch keinen Sinn! Es muss doch Freude machen! Und Freude macht es nur, wenn es anderen eine Freude macht.»

Bleibt die Veranstaltung eine Einzelmassnahme oder wird die Stiftung in Zukunft regelmässig solche Initiativen organisieren?

Wir haben dieses Online-Podium in enger Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste veranstaltet. Unsere Stiftung selber ist zu klein, um im Alleingang solche Initiativen auf die Beine zu stellen. Wir sind aber überzeugt, dass die Hochschule, die in allen Bereichen versucht, neue Akzente zu setzen, diese schöne Chance nicht verpassen wird. Es genügt, die jüngste Berichterstattung zu lesen, um zu realisieren, dass Kunst und Kultur unsere Unterstützung gerade jetzt uneingeschränkt und mit Elan, Phantasie und Begeisterung brauchen. Dabei sind Synergien mit dem philanthropischen Standort sehr erwünscht.

Zum Schluss: Sprechen wir über das Mäzenatentum: Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie persönlich für Mäzeninnen und Stifter, die Kunst und Kultur in Zürich nachhaltig unterstützen möchten?

Ich denke es braucht einen Plan und eine strategische Ausrichtung nach dem Motto «Agieren statt Reagieren». Das heisst konkret, dass es sinnvoll wäre, nicht nur von vereinzelten Projekten zu sprechen, sondern vielmehr die Philanthropen und die öffentlichen und privaten Stakeholder an einen Tisch zu bringen. Die Risiken sind klar: Zum einen die Verschwendung von philanthropischem Kapital, zum anderen die Verzettelung oder Verwässerung des mäzenatischen Engagements. Als Chance bietet sich Mäzeninnen und Mäzenen die Möglichkeit, auf das viele Gute aufzubauen, das der Kulturstandort Zürich bereits heute bietet, und eine echte visionäre und konsensfähige Lösung zusammen mit Behörden und Kulturplatz zu erarbeiten.

Das Gespräch führte Dr. Dr. Elisa Bortoluzzi Dubach. Sie ist Stiftungs- und Sponsoringberaterin, Autorin u. a. von «Stiftungen- Der Leitfaden für Antragsteller» sowie Dozentin (www.elisabortoluzzi.com)

Publié dans Stiftungen Schweiz

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